☞
Auszug
von Lisa-Marie Wordcel
Sie lächelte, und nach kurzem Zögern erwiderte sie: »Dem Schicksal dankbar sein, glaube ich, dass wir aus allen Abenteuern
heil davongekommen sind – aus den wirklichen und den geträumten.« Bis hierher hatte sie gelesen, als sie über den Seiten ihre
Freundin sich ihr nähern bemerkte. Johanna beugte sich wohlwollend für eine Umarmung zu Kathrine herab, setzte sich selbst aber nicht an den runden Tisch im Eck des nestwarmen Lokals. Heil davongekommen, dachte Kathrine noch, und ihr wurde rätselhaft dabei. Sie sah sich an Katakombenmalerei des frühen Christentums erinnert. Die zarten Bilder, der Daniel in der Löwengrube oder der Jonas im Meeresungeheuer, wie sie alle stellvertretend für das Heilsversprechen wirken. Und dabei fragte sie sich, was das bedeuten soll, unbeschadet davonzukommen.
Die beiden schoben sich durch die Masse der Gäste an der Bar, die schleichend illuminiert wurde, während sie auf der Ringstraße der unnachgiebige milde Wind dazu anhielt, zügig das Hotel InterContinental zu erreichen. Vor Wochen wurden sie zu einer Eröffnung zweier befreundeter Künstlerinnen eingeladen, über deren Arbeiten Kathrine unlängst publiziert hatte. Der Teppichboden der spärlich besuchten weitläufigen Bar Intermezzo fing die Geräusche ihrer Schritte auf, die zu einer der Suiten führten. »Sie wird bleiben, die Bar«, teilte sich Kathrine mit und erhielt dafür von Johanna ein Lächeln von beständiger Güte.
Eine Tür stand weit offen. Sie behielten ihre Jacken an, trotz dem die Eismänner soeben vorüber waren. Kathrine löste sich allzu wandlungsfähig von Johannas Seite und ging harmlos zwischen der Einrichtung umher. Sie fühlte ihre Schulter streifen, drehte sich mit dem Impuls und sah den Rücken einer ihr bekannten Person. Es breitete sich ein Geruch aus, der dem von erhitztem Butterschmalz glich. Ein in ihren Augen scheeler Blick traf sie unerwartet und lastete auf ihr. Kathrine hielt den Kontakt, konnte aber keine entsprechende
Entgegnung finden und verweilte wirr von der unklaren Stimmung im Raum.
»Sie hätte das nicht tun sollen«, hörte sie jemanden neben sich, ohne die Aussage einem Gesicht zuordnen zu können. Daraufhin lehnte sie sich in Richtung der anderen, die sich angesammelt auf den Sitzmöglichkeiten befanden. Sie lächelte auf der Suche nach dem speziellen Geruch, den sie vorhin vernommen hat, zog den Kopf ein und begab sich auf den einzig leeren Platz in der Mitte eines schlaff gewordenen sandfarbenen Sofas. Von dort aus richtete sie sich auf und verfolgte eine Weile die Handlungen der Künstlerinnen, die sich aufgeschlossen ihren Gästen zuwandten, während die Person, die ihr Interesse geweckt hatte, unauffindbar blieb.
Kathrine fand sich allein, und diese plötzliche Verlassenheit überfiel sie wie ein starker Händedruck. Sie spürte eine paradoxe Leichtigkeit anfluten, und als sie die zu einem floralen Muster geformten Linien des Zimmerbodens mit einem sanften Schwindelgefühl entlangfuhr, wurde es in ihr deutlich: »Ich muss mir keine Legitimation zurechtlegen. Man will mir meine Begriffe proteushaft verkürzen« – jedes Wort, sei es auch nur gedacht, schien ihr Verminderung – »Ich habe geschrieben, was meiner Wahrhaftigkeit entspricht.« Jetzt fiel ihr auf, dass sie niemand der Anwesenden begrüßt hatte.
Alle fuhren mit ihren Unterhaltungen fort und besahen die Malereien. Kathrine konnte nicht teilnehmen. Sie vernahm die Enttäuschung, die sie hervorgebracht hatte, ohne Reue. Sie erwartete sich beidseitiges Verständnis und stand dafür auf. Hätte sie ihre Äußerungen abwandeln sollen, um ihnen entgegenzukommen? Sie hatte Bilder verrissen, nicht aber ihre Freundinnen. Diese Trennung war auf einmal artifiziell und wurde unmöglich zu vollziehen. Dafür war es zu spät, und sie entfernte sich innerlich nicht von ihrer Position.
Kathrine versuchte, sich ihrer selbst zu versichern, ihre eigenen Agenden offenzulegen, stieß dabei auf ihr begreifliche Kritik ohne diese anzunehmen, hinterfragte jedoch ihre eigenen Entscheidungen. Sie hätte all das vorher bedenken müssen. Die
Abläufe verlangsamt, versank sie in sich, während sie sich ihren Freundinnen näherte. Johanna schloss sich ihr an, bezeugte Kathrine laut und widersinnig aussprechen: »Ich habe mich für euch entblößt« – und hinterblieb uneinig darüber, an wen sie sich damit richtete.